Gartenreichbrief -
Neues von der Kulturstiftung

Unter einer Schenkung von Grafiken befand sich jüngst eine falsch beschriftete Collage – eine kuriose Miszelle.

Aus einer Privatsammlung von Jean-Marc Deroy stammt die Schenkung von drei gerahmten Gartenansichten: zwei undatierte Original-Kupferstiche des Wiener Kupferstechers Karl Robert Schindelmayer, die vor 1812 zu datieren sind, und eine weitere Ansicht von 1831. Die Stiche tragen die Titel „Der Schwanenteich zu Wörlitz“ und „Die Wasserleitung“. Sie sind in identischen goldenen Rahmen mit Passepartouts aus Büttenpapier gefasst. Das größere dritte Werk ist eine minutiöse Collage aus Pflanzenteilen wie Blättern von Farnen, Flechten, Kräutern und Buchen sowie gezeichneten Bereichen mit Tusche und weißen Höhungen. Die Arbeit befindet sich in einem vergoldeten Profilrahmen mit Eierstabornament und wurde vom einem gewissen Jos.[eph] Karvinský 1831 in Ungarn signiert und geschaffen. Ein Balthasar Johann Karwinsky ist in damaligen Familienkalendern gelistet, was darauf schließen lässt, dass der Klebekünstler aus einer adligen Familie stammt.

Die Collage orientiert sich am Stich „Die Wasserleitung“, trägt jedoch den Titel „Die Wasserleitung im Garten zu Wörlitz“. Die gezeigte Aquädukt-Ruine mit Wasserfall und der mehrachsige Oktogonbau entpuppen sich als geografischer Irrtum: Der dilettantische Kunstliebhaber Karvinský deutete die Stiche fälschlich und zugleich hochspannend als zusammengehöriges Wörlitzer Ensemble. Die Vorlage zeigt hingegen den Kasseler Bergpark (heute ebenso wie das Gartenreich Dessau-Wörlitz UNESCO-Weltkulturerbe). Die Anlage am Karlsberg basiert auf der Ingenieursleistung von Giovanni Francesco Guerniero im Auftrag des Landgrafen Karl I. von Hessen-Kassel, während die Aquädukt-Ruine mit dem immerhin 30 Meter hohen Wasserfall auf dessen Enkel Wilhelm I. zurückgeht.

Schindelmayers Drucke stammen aus einer noch näher zu bestimmenden Serie. Dieselben Kupferplatten hat er allerdings in seinem dreibändigen Werk „Description des principaux parcs et jardins de l’Europe“ (Wien 1812) verwendet, welche europäische Landschaftsgärten vorstellen: Im ersten Band wird Stowe, im zweiten Wörlitz und im dritten Kassel beschrieben, während allen Teilen botanische Abbildungen als Anpflanzungshilfe beigefügt sind.

Die kunsthistorische Einordnung der Collage ist komplex. Da Karvinský das Motiv falsch beschriftete, besuchte er die Parks wohl nie, sondern nutzte die über Adelsbibliotheken verbreiteten Ansichten und Veduten. Eventuell lagen ihm die Stiche unklar beschriftet oder lose vor, sodass er das spektakulärere Kasseler Motiv dem berühmteren Namen Wörlitz zuordnete. Wörlitz verschmolz für ihn als Chiffre des perfekten Englischen Gartens mit der Kasseler Anlage zu einem fiktiven Sehnsuchtsort. Ob er die Orte tatsächlich einmal bereist oder Pflanzen dort gesammelt hat, bleibt unsicher. Das harmonisch gerahmte Ensemble bildet gleichwohl ein reizvolles Kuriosum, denn die Verwechslung der Parks ließe sich auch als bewusstes Spiel Karvinskýs interpretieren. Wie in Stammbüchern symbolisierten getrocknete Pflanzen Vergänglichkeit und die Zeichnung die Erinnerung. Diese Kombination aus realer Natur und Fiktion persiflierte den damaligen Zwang zur exakten botanischen und topografischen Taxonomie. Seine Komposition lässt sich somit als ein fantastisches, zusammengesetztes Landschaftsbild – ein Capriccio – deuten, dessen Rätsel noch auf eine Entschlüsselung warten. 

 

Dr. Silvia Schmitt-Maaß 
Referat Kunstforschung und Sammlungen

Titelbild: Bar. Jos. Karvinsky, Die Wasserleitung im Garten zu Wörlitz, Collage mit getrockneten Blättern und Malerei auf Papier, 1831, gerahmt