Das Gartenreich
Dessau-Wörlitz

Das Tagebuch stammt aus dem Jahr 1819. © KsDW, Bildarchiv

Das handschriftliche Tagebuch der jungen Thekla von Berenhorst wurde für die Sammlung der KsDW erworben.

Diaristische und epistolare Zeugnisse von Kindern sind für die Zeit um 1800 nur wenige überliefert. Der Beginn von Kommunikation ist für das 18. und frühe 19. Jahrhundert, das bekanntlich das Kind ‚entdeckt‘, kaum erforscht. Abgesehen von einigen wenigen Anthologien findet man fast nichts zu diesem Themenfeld. Kinderbriefe sind meist nur im adligen Umfeld überliefert. Die Überlieferung setzt im Falle bürgerlicher Autorinnen und Autoren meist erst nach dem achtzehnten Lebensjahr ein. Briefe wie das Schreiben des jungen, gerade einmal vierzehn Jahre zählenden Goethe an Ludwig Ysenburg von Buri, oder der Karsch-Tochter Caroline bilden sowohl die Ausnahme als auch den Auftakt für eine Überlieferungspraxis, die ins 19. Jahrhundert weist. Überlieferte Briefe des dreizehnjährigen Theodor Fontane an seine Mutter, der achtjährigen Annette von Droste-Hülshoff an ihre Großmutter sowie Bettine von Arnims fiktionalisierter „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ oder Briefsteller ausdrücklich nur für Kinder zeugen von dieser Akzentverschiebung hin zu einer Vielstimmigkeit, die dem Kind sowohl in der Literatur als auch in der archivalischen Überlieferung zunehmend eine Stimme einräumt.  Somit handelt es sich um eine Rarität und kleine Sensation, dass jüngst das handschriftliche Tagebuch der Thekla von Berenhorst (1808–1890) für die KsDW erworben werden konnte. Die 1808 geborene Thekla war die Tochter von Georg Heinrich von Berenhorst, der unter anderem als Militärschriftsteller und Oberhofmeister unter Fürst Franz wirkte, und dessen zweiter Frau Henriette, geb. von Bülow. Durch ihre erste Ehe mit Julius von Richthofen war Thekla von Berenhorst die Urgroßmutter von Manfred von Richthofen, der als „Roter Baron“ in die Geschichte einging. 

Das in Kurrentschrift, knappen Notizen und zwischen Juni 1819 und Juni 1820 verfasste Tagebuch bietet exklusive Einblicke in den Alltag des jungen Mädchens in Dessau. Wir erfahren von ihrem Unterricht, Lektüren, Besuchen von Konzerten, Theater und sogar der „Kunstreiterey“, Spaziergängen im „Georgengarten zur Musik“, Zusammenkünften im Schloss und auch Geburtstags- und Weihnachtsfeierlichkeiten. Stolz vermerkt Thekla am 24. Dezember 1819, dass sie unter anderem einen „schwarzen Samt Hut mit Federn, einen Seidenmantel, einen Arbeitsbeutel von Samt und eine Arbeitstasche von Leder“ sowie ein „baar rothe Schuhe“, „Puppen“ eine „kleine Palette“ und „Bücher“ erhalten habe. Den neuen Mantel probierte sie prompt am darauffolgenden Tag beim Gottesdienst in der „St. Georgenkirche“ und beim anschließenden Besuch der „Zauberflöte“ aus.  Das kulturelle Leben in Anhalt-Dessau unter dem seit 1817 regierenden Leopold Friedrich wird so unter den besonderen Blicken eines Kindes greif- und nacherlebbar. Eine zeitnahe (digitale) Edition des Tagebuches ist geplant. 

 

Dr. Jana Kittelmann und Martin Glinzer
Referat Kunstforschung und Sammlungen

Titelbild: Bibliothek der Kulturstiftung © KsDW, Peter Dafinger